Deutschland schläft
ein Spiel um Kinder, Krieg & Zeugen

- Der Insulaner - Teil II -

Projektleitung + Videoschnitt: Karin Redlich
Inszenierung: Lutz Bublitz [Theater Rote Grütze]

Fotos & Videoschnitt: Knut Gerwers
Theater / DVD [in progress]; 2006 [Fotos/Szenenbilder]

Produktion: Waidak Media e.V.
Gefördert von: der Jugend- und Familienstifung des Landes Berlin und der Stiftung Aufarbeitung.


Hier können sie den Flyer mit weiteren Informationen über das Stück „Deutschland schläft" als Grafiken ansehen. [480 kb]
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Ausschnitt aus dem Film zu „Deutschland schläft“ - 3.45 min

Deutschland ist ein herrliches Land, ein schönes, ein wunderbares, weites Land. Ein Land voller Sehnsucht und Größe, ein Land voll heimatlicher Wälder, Städte, Meere und Berge.
aus dem Prolog zu „Deutschland schläft„ (Heinz Liepman)

Im Jahr 2006 realisierte Waidak media e.V. in Zusammenarbeit mit dem Kinder- und Jugendtheater Rote Grütze das Theaterstück „Deutschland schläft - ein Stück über Kinder, Krieg und Zeugen".
Schüler/innen der 9ten Jahrgangsstufe der Kurt-Schwitters-Gesamtschule in Berlin Prenzlauer Berg spielen in dem Stück, für das sie selbst eine Reihe von Zeitzeugen interviewt haben. In Form von Videoprojektionen wurden Ausschnitte dieser Interviews ein Teil des Stückes und bilden den Rohstoff des gut einstündigen Theaterabends. Die Zeitzeugen erzählen ihre persönlichen Erlebnisse und Empfindungen während des Krieges und der unmittelbaren Zeit danach, wie sie mit diesen umgegangen sind, umgehen mussten.

Sigrid Zitzke: „So ganz vergessen kann man das nicht. Ich will Euch ein Beispiel nennen, ich war ja damals auf dem Dorf und der Krieg war zu Ende, und wenn ich mich abends ins Bett legte, dann war in meinen Ohren das Geräusch der Bombengeschwader. Die hatten immer so einen singenden Ton. Dann hab ich immer zu meiner Mutter gesagt: Mutti, die Bomber kommen wieder - und ich habe manchmal eine Ohrfeige gekriegt, weil sie nicht mehr wusste, was sie mit mir machen sollte. Das habe ich lange Zeit gehabt, dass ich mich manchmal im Bett aufgesetzt und gedacht habe, eigentlich ist da gar nichts und wenn ich mich wieder hingelegt habe, war dieses Geräusch da."
(Ausschnitt aus dem Interview mit der Zeitzeugin Sigrid Zitzke)

Mittels Theaterübungen aus dem Aktion- und Interaktionsbereich sowie des Körpertrainings wurden ausgewählte Passagen dieser Interviews szenisch umgesetzt.
Für unsere bisherige Arbeit stellte dies einen neuen Ansatz dar. Die Verbindung von multimedialen Recherche- und Produktionsformen mit der puren, körperbetonten Theaterarbeit, bzw. der Transfer der medialen Produkte in szenische Umsetzungen, ermöglichte den Jugendlichen einen wesentlich emotionaleren und persönlicheren Zugang. Geschichte(n) wurden nicht nur kognitiv sondern auch am eigenen Leib, im Finden des eigenen Ausdrucks erfahren.

Werner Behrens: „Bei den Bombenangriffen lagen die Leute auf der Strasse, wenn wir mit dem Schnellkommando unterwegs waren, da lagen auch die Verbrannten - in der Zeit, da ist so vieles, was man heute vielleicht gar nicht zurückholen kann, kaputt gegangen. Das lässt einen dann kalt, weil man irgendwannn sagt, das war eben so, man wächst damit auf, was soll man machen.”
(Ausschnitt aus dem Interview mit dem Zeitzeugin Werner Behrens)

Während des Stücks wurden die erarbeiteten Szenen mit eingespielten Ausschnitten der Interviews, mit Fotos der Begegnung der Jugendlichen mit den Zeitzeugen sowie Fotos und Dokumenten aus deren Privatarchiven u.a. historischem Bild- und Tonmaterial verwoben. Folgend ein Auszug aus einem Schulaufsatz der Zeitzeugin Eva Tetz, der in das Stück integriert wurde.

Plötzlich eine gewaltige Detonation, es entsteht eine Pressluft im Keller, man meint, der Körper müsste einem zerreißen. Mörtel und Putz fallen von den Wänden, der Keller ist mit Staub und Rauch gefüllt, die Frauen schreien laut auf und Kinder weinen. Da wird die Tür aufgerissen und der Luftschutzwart tritt ein. Ist unser Haus kaputt, wo ist mein Mann, wo ist denn die Bombe eingeschlagen, mit solchen und ähnlichen Fragen wird er bestürmt. Er berichtet, dass vor dem Nebenhaus eine Sprengbombe eingeschlagen sei und wir atmen erleichtert auf. Doch wie wird es in der Wohnung aussehen, hoffentlich ist dem Mittagessen nichts geschehen."

Neben den Inszenierungsteilen die aus den Zeitzeugeninterviews entstanden, wurden auch Szenen aus den Lebenswelten der Jugendlichen eingebaut - z.B. ein sich wie beiläufig ergebender Dialog über einen wirklich erlebten Einsatz als Rettungshelfer bei der Bergung eines U-Bahn Selbstmörders.
Eine andere Szene umkreist die heute geläufige mediale Darstellung und Inszenierung von Gewalt anhand der euphorischen Beschreibung eines Videospiels und eines brandneuen Horrorfilms, die sich alsbald in eine handgreifliche Nachstellung verwandelt. Derart ergaben sich spannungsvolle, realitäts- und gegenwartsgeladene Kontraste zu den historischen Geschichten und Interviews. Ausserdem wurden einige kurze literarisch/dokumentarische Fragmente als Reflexionsmomente und dramaturgische Zäsuren eingeschoben, wie z.B. der folgende Text von Holger Franke:

Hundertmal wird an einem Nachmittag gestorben.
Da ich aus dem Osten bin, wo die Russen sind, muss, darf ich meistens den Iwan machen. Ab und zu wurde es zu böse, zu hart, zu echt, war’s kein Spiel mehr. Dann schrie ich: Das ist doch nur ein Spiel, Mensch!
Immer war eine da, der grinste, sagte: Halt die Fresse. Drehte mir die Arme auf den Rücken: Du bist gefangen! Du wirst erschossen! Stelle dich an die Wand! Hände hoch.
Alles ließ ich mit mir geschehen, Hauptsache, es tut nicht weh!
Erschießt mich doch, ihr Schweine!
Sich geschlagen geben war besser, denn Schläge nehmen
.
Holger Franke - aus: „ohne mich fehlt mir was"

Das Ergebnis war bei der Premiere für alle Teilnehmer ein bewegendes Erlebnis. Die Zeitzeugen sahen ihre Erfahrungen zu theatralem Leben erweckt und etliche der anwesenden Eltern entdeckten an diesem Abend ganz neue Züge, Stimmen und Talente an ihren Kindern.
Doch vor allem die Schüler erlebten Geschichte hautnah, in und durch ihren eigenen Körper, den sie auf diese Weise als Lern- und Ausdrucksmittel entdeckten. Zudem machten sie die Erfahrung einer starken, gemeinschaftlichen und generationsübergreifenden Zusammenarbeit, während der es, den Geschichten entsprechend, einige innere und äußere Herausforderungen zu überwinden galt.

Deutschland! Ich rufe es in jeder Nacht: Deutschland, wo bist du?
Deutschland schläft. Es ist sehr, sehr krank. Es schläft einen wilden Fieberschlaf. Es träumt. Ein schrecklicher Traum.
Deutschland erwache! Erwache Deutschland!
Deutschland schläft
.
aus dem Prolog zu „Deutschland schläft" (Heinz Liepman)

Deutschland schläft – ein Spiel über Kinder, Krieg und Zeugen
– erfragt und hingehört –
– empfindsam und frech nachempfunden –
von

Lilian Kim Lukas ~ Ann-Kathrin Varchmin ~ Tim Schreiber ~ Christin Oswald ~ Luise Rube ~ Leonore Nitzsche ~
Jean-Emily Fleck ~ Annkatrin Bressin ~ Malte Krusche ~ Sandra Kösler ~ Cara Esser ~ Marcel Neid


Projektleitung & medienpädagogische Anleitung
Karin Redlich

Inszenierung
Lutz Bublitz (Theater Rote Grütze)

Fotos & Videoschnitt
Knut Gerwers

 
Finanziert von:
Der Stfitung Aufarbeitung
Der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin
in Kooperation mit dem Museumsverbund Pankow/Prenzlauer Berg, Bernt Roder
 

Unser besonderer Dank gilt den Zeitzeugen:
Eva Tetz ~ Ilse & Hartmut Jünke ~ Sigrid Zitzke ~ Werner Behrens ~ Ursula Adler ~ Heinz Joachim Schmidtchen

sowie Katrin Kundel, Rektorin der Kurt-Schwitters-Oberschule und den Lehrerinnen Frau Jürs und Frau Richter

Eine Produktion des Waidak media e.V.


Eine Dokumentation des Projekts auf DVD ist in Arbeit. Außerdem planen wir weitere Aufführungen des Stücks in Berlin und Umgebung. Sollten Sie Interesse haben, kontaktieren Sie uns bitte.
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